Insgesamt vier Predigten kann man hier im Web von Ravenschlag erhalten - außer der Gründonnerstagspredigt 1984 unten die Predigt zu seinem Silberjubiläum am 1. Advent 1972, ferner als PDF seine "Kolumbus-Predigt von der Neuen Welt Gottes" und die von seiner seiner Enkelin Anna Natali Ravenschlag aufgeschriebene  Predigt vom 4.5.1983

Pastor Ravenschlags Gründonnerstag-Predigt 1984
"Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen geschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt." (Jesaja 53, V. 4 und 5)
Zu diesem Text führte Pastor Alfred Ravenschlag auf der Kanzel der Deilinghofer Stephanuskirche bei der Gründonnerstag-Andacht am 19. April 1984 Folgendes aus [eine der weinigen, die FG auch noch hören konnte - er predigte in einem ganz eigenen Stil, der mich immer sehr beeindruckte]:
Liebe Gemeinde! Am Eingang eines Friedhofs stehen die Worte: "Wir sind ein Volk, vom Strom der Zeit gespült ans Erdeneiland, voll Unruh und voll Herzeleid, bis heim uns holt der Heiland. Ein Vaterhaus ist immer nah, und wechseln auch die Lose: Es ist das Kreuz von Golgatha, Heimat für Heimatlose."
Das braucht uns eigentlich nicht erst ein Friedhof klarzumachen, denn je älter wir werden, desto mehr erkennen wir die Wahrheit dieser Worte: "Ein Volk vom Strom der Zeit voll Unruh und voll Herzeleid." Egon Holthusen, ein Schriftsteller unserer Zeit, hat einmal vom "unbehausten Menschen" gesprochen. Er meint damit den Menschen, der überall und doch nirgends zu Hause ist. Und in einem Schauspiel der Gegenwart: "Der Tod eines Handlungsreisenden" wird der heutige Mensch mit einem solchen Handlungsreisenden verglichen. Von ihm heißt es: "Für einen Handlungsreisenden hat das Leben keinen festen Boden." Er ist ein Mensch, der irgendwo in der Luft schwebt.
Man könnte viel über diesen Menschen sagen, der irgendwo in der Luft schwebt und deshalb keinen festen Boden, kein Zuhause mehr hat. Am Ende wäre das vielleicht ein Bild von uns selber. Und auf diesem Bild würden wir dann unsere Friedlosigkeit sehen, unsere Wunden, die uns das Leben geschlagen hat und die wir selbst schlugen, unsere Unruhe und das alles, was wir Sünde nennen. Das alles wäre in diesem Bild enthalten, das wir so vielleicht noch gar nicht gesehen haben. Ja, was tun wir Menschen nicht alles, um das nicht zu sehen! Was machen wir uns doch vor, um uns darüber hinwegzutäuschen! Jedoch, eines Tages geht uns auf, daß wir doch nicht ganz unbelastet von Schuld und Sünde durch unsere Jahre gekommen sind und daher Wunden haben, daß wir im Grunde letztlich doch friedlose Menschen sind und das dies mit zunehmendem Alter nicht besser, sondern schlimmer wird. Nicht besser, bis uns das auf einmal aufgegangen ist, was Karfreitag für uns eigentlich bedeutet.
Was dort nämlich geschehen ist, das hat mit unseren Wunden und mit unserer Friedlosigkeit zu tun. Denn Jesus Christus ist für uns gekreuzigt, damit wir Frieden haben, Heilung von unseren Sünden, die uns innerlich nicht zur Ruhe kommen lassen. Er will uns heimholen aus unserer Verlorenheit, unserer Friedlosigkeit, heim in die Geborgenheit bei Gott, in seine Liebe und in seinen Frieden. Und aus diesem Grund braucht keiner von uns zu verzweifeln.
In dem Roman des großen Franzosen Camus "Der Fall" sagt der einst berühmte Strafverteidiger von Paris, Jean Clamans, der seine Laufbahn aufgegeben hat und ins Amsterdamer Hafenviertel gegangen ist, um dort die Armen und Asozialen zu beraten, von den Menschen: "Lauter Savonarolas, sie glauben immer nur an die Sünde, aber nie an die Gnade!"
Also: Darum ist Jesus Christus ans Kreuz gegangen, damit wir an Gottes Gnade glauben und sie verkündigen können. Und all denen, die unter der Sünde leben und leiden, sollen wir sagen von der großen und einmaligen Heimholung Gottes durch Jesus Christus, daß sein Vaterhaus uns immer nah ist, und wechseln auch die Lose unseres Lebens. Wenn uns die Probleme unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht zur Ruhe kommen lassen, dann dürfen wir alle zu unserem gekreuzigten Heiland flüchten, der uns dann seine blutigen Hände zeigt und sagt: "Uni euretwillen! Auf daß ihr Frieden findet für Zeit und Ewigkeit! Frieden mit Gott!"
So dürfen wir dann auch im Blick auf unsere letzte Stunde getrost die Hände falten und mit Paul Gerhardt beten: "Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir; wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür. Wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein. Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod und laß mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl."
"Wer so stirbt, der stirbt wohl." Das ist Geborgenheit im Angesicht da Todes. Nur möchten wir alle es jetzt schon tun, ihn fest an unser Herz drücken, damit er unser Heiland ist und bleibt in alle Ewigkeit.
"Drei Kreuze stehen auf Golgatha,
drei Kreuze stehen auch heute noch da,
und wessen Augen erblicken die drei,
den lassen sie nimmer und nimmermehr frei.
Dem tritt entgegen ihr Bild, ihre Frage,
auf jedem Weg und an jedem Tage.
Er schließe die Augen, er wende den Schritt,
das Bild und die Frage des Kreuzes gehn mit.
Was ist dir das Kreuz in der Mitte, das eine?
In welchem der andern erblickst du das deine?
Und schwankt er, die Frage bedrängt ihn beständig,
und schweigt er, die Frage bleibt dennoch lebendig:
Was ist dir das eine? Sprich! Welches der beiden
erwählst du als deines? Du mußt dich entscheiden!"
Wie sagte der Prophet: "Wer glaubt unserer Predigt?" Aber: Du mußt dich entscheiden!
Wir danken dir, Herr Jesu Christ,
daß du für uns gestorben bist
und hast uns durch dein teures Blut
 gemacht vor Gott gerecht und gut
und bitten dich, wahr' Mensch und Gott
durch deine heilgen Wunden rot:
Erlös uns von dem ewgen Tod
und tröst uns in der letzten Not.
Amen.
 

25 Jahre in Deilinghofen: Predigt über Lukas 10, V. 21 bis 24
Diese Predigt hielt Pastor Ravenschlag am 1. Dezember 1972 zu seinem Amtsjubiläum (25 Jahre Seelsorger in Deilinghofen).
In der Stunde freute sich Jesu im Geist und sprach: "Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches verborgen hast den Weisen und Klugen, und hast es offenbart den Unwürdigen. Ja, Vater, also war es wohlgefällig von dir. Es ist mir alles übergeben von meinem Vater. Und niemand weiß, wer der Sohn sei, denn nur der Sohn und welchem es der Sohn will offenbaren." Und er wandte sich zu seinen Jüngern und sprach insonderheit: "Selig sind die Augen, die da sehen, was ihr seht. Denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet und haben's nicht gesehen und hören, was ihr höret und haben's nicht gehört. (Lukas 10, 21-24)
Liebe Gemeinde! Heute vor 25 Jahren, am 1. Advent des Jahres 1947, als Deutschland noch in Trümmern lag und viele, viele Menschen nicht satt zu essen hatten, wurde ich durch Herrn Superintendenten Niemeyer in das Pfarramt der Gemeinde Deilinghofen eingeführt.
Heute, am 1. Adventssonntag des Jahres 1972, wo es den deutschen Menschen materiell wieder gut geht, halten wir miteinander durch Gottes Güte und Barmherzigkeit einen Festgottesdienst zur Erinnerung an diesen Tag, aus dankbarem Herzen für alles, was der Herr in dieser Zeit an uns allen getan hat. Wir bekennen aus vollem Herzen: "Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich." Er hat Großes an uns getan durch sein göttliches Wort, das war und ist und bleiben wird unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. "Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde"; so kann und muß der Gemeindepfarrer nach einer Amtszeit von 25 Jahren heute sagen, wenn er daran denkt, was Gott an äußerer und innerer Aufbauarbeit trotz aller Schwierigkeiten, trotz aller Fehler und Versäumnisse, trotz aller Schuld und Sühne durch seine Gnade und Barmherzigkeit hat gelingen lassen. Wieviel ist in dieser Zeit anders und besser geworden? Wieviel ist mit der Hilfe und der Kraft vieler Hände und mit den Opfern und Spenden vieler Menschen und durch das Geld und die Fürbitte vieler Herzen an sichtbaren und unsichtbaren Werken geworden? Die Gemeinde ist nicht mehr zerstritten, und es besteht keine Gefahr mehr, daß ihr Pfarrer in die Wüste geschickt wird. Das Pfarrhaus, so gut es damals möglich war, die Friedhofskapelle und der Kindergarten und unsere schöne, alte, ehrwürdige Kirche sind aufs Beste gebaut und renoviert worden, alles mit Hilfe des Presbyteriums und der ganzen Gemeinde. Ich preise dich, Vater des Himmels und der Erden - so kann und so wird jeder voll Dankbarkeit sagen müssen, der auf Jahre und Jahrzehnte zurücksieht und dabei an die Führungen und Bewahrungen und vor allem an Segnungen denkt, die er in seinem Leben von Gott erfahren hat.
Oder können wir etwa nicht danken? Gehören wir gar zu denen, die heute, merkwürdigerweise gerade heute, unzufrieden sind? Dann, liebe Gemeinde, wären wir keine Christen. Denn das muß ich heute ganz deutlich sagen: Zu den Kennzeichen eines Christenstandes gehört der Dank, und Grund zum Danken hätten wir Christen sogar dreifach, wie unser Glaubensbekenntnis uns sagt. Denn Gott hat sich uns als Vater, als Sohn und als heiliger Geist offenbart - und das ist etwas ganz Großes!
"Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde" - so wird doch ein Mensch im Glauben sprechen, wenn er alle die Schönheit und Herrlichkeit der Natur sieht. Denn an die Werke Gottes in der Natur - von den Gipfeln der Berge bis zum Rauschen des Meeres und von den Sternen im Weltall bis zu den Blumen auf der Wiese und von den Früchten des Feldes bis zu den Schätzen im Boden - denken, das heißt doch an Gott denken und diesem Gott danken, dem "Herr Himmels und der Erde", danken, wie wir das Jahr für Jahr am Erntedankfest in einer eindrucksvollen Feier getan haben. Und wie oft hat das Wunder des Lebens, wie wir es bei der Geburt und der Taufe eines Kindes erlebt haben; zum Staunen und zum Stillwerden, zur Ehrfurcht und zur Anbetung vor dem Schöpfer des Lebens geführt!
Freilich, ich weiß, daß eine solche Schau des Lebens nicht selbstverständlich ist. Man kann das Leben und die Welt auch ganz anders sehen. Der Unglaube zum Beispiel sieht in der Natur mit ihren Katastrophen und im Leben mit seinen Rätseln und in der Geschichte mit ihrem Aufstieg und Untergang von Völkern nur Sinnlosigkeit. Und der Kleinglaube sieht vor lauter Wolken den Himmel nicht und vor lauter Sorgen Gott nicht und macht sich so das Leben noch schwerer, als es an sich schon ist.
Der Aberglaube vollends sieht nur die toten Sterne, aber nicht den Gott hinter den Sternen und bringt nur Angst ins Leben hinein. Der Glaube aber sieht Gott am Werk und gibt Zuversicht und Geborgenheit, denn er weiß um die starke und gute Hand Gottes, die die ganze Welt umfaßt, und die zugleich das kleinste Kind trägt, und er weiß mitten in aller Tragik des Lebens und mitten in allem Leid des Herzens mit dem Apostel "daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen."
Solchen Glauben wünsche ich Euch und mir bei meinem Jubiläum. Dann können wir mit dem Herzen bekennen: "Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erde."
Die Frage ist nun: Wie kommen wir zu solchem Glauben? Wie komme ich dazu, zu glauben, daß Gott nicht nur allmächtig, sondern auch barmherzig ist, daß er nicht nur heilig, sondern auch gut ist, ja, daß Gott es gut meint, sogar mit mir? Woher kommt denn eine solche Zuversicht und Gewißheit? Aus uns selbst bestimmt nicht, von Buddha und von Mohammed nicht und von keiner anderen Religion! Aber von Jesus Christus kommt sie, von seiner Krippe und von seinem Kreuz, von seiner Auferstehung und von seiner Gnade. Von den großen Taten Gottes in Jesus Christus kommt sie, wie wir sie an den großen Festtagen der Kirche gefeiert haben, etwa am Heiligabend, wenn wir im halbdunklem Raum die Kerzen gebrannt haben, und wir mit der Weihnachtsbotschaft verstanden haben, was die Liebe Gottes ist, nämlich Hinwendung zur Welt, Hinwendung an den Menschen, zu uns, zu dir und mir.
Oder am Karfreitag, wenn wir im Opfertod das geheime Gesetz des Lebens und im Ja zu diesem Gesetz den Sinn und den Wert des christlichen Lebens erkannt haben. Oder an Ostern, wenn wir auf dem Friedhof zwischen den Gräbern den Sieg des Lebens durch die Auferstehung Jesu Christi verkündigt haben. Ja, da merkten wir etwas von einem Glauben, der die gewisse Hoffnung des ewigen Lebens gibt, der aber auch schon in diesem Leben nie versagen kann, im Leid nicht und in der Schuld nicht, weil er Kreuz und Krone, Tod und Leben, Zeit und Ewigkeit umfaßt. Solchen Glauben wünschen wir uns am heutigen Tage. Dann können wir mit dem Herzen erkennen: "Ich glaube an Jesus Christus."
Dabei fällt uns gar nicht mehr auf, daß wir zu den Völkern gehören, denen der Name Jesus Christus bekannt ist, und denen das Evangelium von Jesus Christus bis heute verkündigt wird. Diese Offenbarung der Liebe Gottes ist aber nicht selbstverständlich, sondern ein neues Wunder und für uns ein neuer Grund zum Danken. Denn bis heute macht der Geist Gottes Menschen willig für das Zeugnis des Evangeliums, sowohl Menschen im Amt der Gemeinde als auch aus der Gemeinde, aber eben immer Menschen, die unser Evangelium meint, die nicht zu den Uberklugen und Übergescheiten gehören, die alles besser wissen, sondern zu denen gehören, die wie die unmündigen Kinder wissen, daß ihnen etwas fehlt, und daß sie jemanden brauchen und darum bereit sind, sich helfen zu lassen und sich etwas sagen zu lassen. Was also den Weg zu Gott ebnet oder verbaut, ist nicht Bildung und Stellung, Herkunft und Besitz, sondern die ganz persönliche Haltung der Aufgeschlossenheit oder der Überheblichkeit.
Es war ja schon zur Zeit Jesu so, daß einfache Leute wie die Hirten und ebenso kluge Leute wie der Universitätsprofessor Nikodemus, daß arme Leute wie die Fischer am See Genezareth und ebenso reiche Leute wie der Bankdirektor Zachäus für die Offenbarung Gottes aufgeschlossen waren. So ist es bis heute geblieben. Darum ist es kein Zufall, daß Arbeiter und Freifrauen im Kindergottesdienst geholfen haben, und daß Bischöfe und Minister ebenso ein Zeugnis des Glaubens abgelegt haben wie Missionare und Diakonissen. Was für ein Wunder ist das, daß Gott durch Menschen, die oft viel Menschliches, vielleicht sogar Allzumenschliches an sich haben (die aber vielleicht gerade deswegen wissen, daß sie einen Gott und Heiland brauchen), seine Gemeinde sammelt und baut. Was für ein Wunder ist es weiter, daß diese seine Gemeinde besteht und steht und dazu noch wirken und werben kann, obwohl ihre Glieder auch voller Fehler und Sünde sind und darum oft mit falschen Maßstäben messen. Aber nun ist das eben die Erfahrung unseres Glaubens! Menschen, die sich untereinander im Glauben an die vergebende Gnade Gottes und aneinander im Dienst der Liebe verbunden wissen, läßt der Geist Gottes zur Gemeinde werden. Wie gut, wenn auch wir zu diesen Menschen gehören, die mitten im dauernden Wechsel von Gefahren und Weltanschauungen um die bleibende Bedeutung der Kirche wissen, jener einen christlichen Kirche, wie sie durch alle Konfessionen hindurchgeht und gerade in unseren Tagen in der ökumenischen Beivegung mächtig durchbricht, und wie sie auch unter uns Wirklichkeit ist und mitten zwischen der bürgerlichen Gemeinde und einer christlichen Gemeinde lebt - dem Glauben erkennbar. Solchen Glauben und gerade auch solchen Glauben, der um die Weite und Größe der Kirchen, aber auch um den Unterschied zwischen Welt und Kirche, zwischen einer bürgerlichen Gemeinde und einer christlichen Gemeinde, auch um den Unterschied zwischen Macht und Vollmacht, Erfolg und Segen weiß, wünsche ich uns allen in dieser Stunde. Dann können wir von Herzen bekennen: "Ich glaube an den heiligen Geist, eine heilige, christliche Kirche."
So, liebe Gemeinde, offenbart sich uns das Geheimnis Gottes im Vater und im Sohn und im heiligen Geist, und so zeigt sich uns das Geheimnis Gottes in den Werken Gottes und in der Natur, in den Taten Gottes in Jesus Christus und in den Zeugen Gottes in seiner Kirche. Gewiß, das Dogma von der Dreieinigkeit ist damit nicht erklärt. Aber muß das denn sein? Kann das überhaupt sein? Ist es nicht bei allen hohen Werten im Leben so, daß sie über unser Verstehen gehen, und daß sie nur erlebt, aber im Grunde nicht erklärt werden können? Zum Beispiel die Liebe, aber auch die Musik und die Kunst? Vollends gilt im religiösen Leben: Gott will nicht verstanden, er will angebetet sein!
Darum war es in meiner Amtszeit, in den 25 Jahren in Deilinghofen, mein Bemühen, den Gottesdienst in die Mitte des Gemeindelebens zu stellen und im Gottesdienst selber zum Lob Gottes und zur Anbetung Gottes zu führen, damit jeder dankbar und ganz persönlich sagen kann: "Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde." Amen.

Überliefert und abgeschrieben von Enkelin Anna Natalie Ravenschlag: Ravenschlag-Predigt vom 4. Mai 1983
Eine Geschichte erzählt: „Ein Mann, der mit vielen widrigen Schicksalen zu kämpfen hatte und darum auch mit mancher inneren Not und Anfechtung, ging eines Tages bei äußerst heftigem Sturmwind auf der Straße dahin. Nur mühsam konnte er vorwärts kommen. Da sah er ein Kind vor sich, das weinte und laut klagte. Und weil es bei seinem Weinen und Klagen den Mund aufsperrte, blies ihm auch der Sturmwind tüchtig hinein und nahm ihm den Atem dermaßen, daß es gar nicht vorwärts kam und sich schließlich ratlos und unglücklich an eine Wand drückte.
Da ging er auf das Kind zu und sagte: „Kind, hör auf zu weinen und mach den Mund zu, daß der Wind nicht hineinblasen kann, und komm und nimm meine Hand und halte dich fest, dann wirst du sehen: wir kommen ganz schön miteinander vorwärts.“
Das Kind gewann Vertrauen zu ihm und machte es so. - Die beiden schritten nun tapfer gegen den Wind dahin, und bald kamen sie an das Elternhaus des Kindes, in das es fröhlich hineinsprang.
Der Mann ging seines Weges weiter und dachte bei sich: „Wie dieses kleine, törichte Kind, so hast du es eigentlich bisher auch gemacht. Viel Sturmwind kam dir schon im Leben entgegen, und du hast auch stets den Mund aufgetan mit Klagen, Murren und Unzufriedenheit. Da hat dir der Wind auch den Atem genommen wie jenem Kind und hat dir Herz und Seele erkältet, dich matt und elend gemacht, und du bist nicht vorwärts gekommen. Nun mach auch endlich den Mund zu und hör auf zu klagen. Ergreife die Hand Gottes und laß dich von ihm führen, gerade wie er will, in kindlichem Vertrauen, dann wird es gewiß besser gehen.“
Und so hat er es auch gehalten und hat den Mund zugemacht und siehe, es ging wirklich besser.
Soweit diese Geschichte, die vielleicht auch unser Leben schildert. Vielleicht gleichen wir jenem Mann und müssen uns sagen lassen: „Den Mund zu!“
Gewiß haben wir oft Grund zum Klagen. Wir wollen nicht welt- und lebensfremd sein. Aber ich meine: Klagen kann eine richtige Krankheit werden, die uns unser Gottvertrauen nimmt und uns so auf die Nase wirft, daß wir vor lauter Klagen den Himmel nicht mehr sehen, und vor allem den, der an Himmelfahrt zum Vater gegangen ist und für die Seinen da ist, auch und gerade für ihre Not.
Wenn wir in vielen Fällen den Mund zumachen würden, wenn wir in die Stille gingen und in der Stille ins Gebet, dann wäre vieles anders.
Gewiß, das Gebot und unser Glaube sind keine Zaubermittel, als ob nun plötzlich alle Nöte und Anfechtungen verschwunden wären. Gott läßt sich nicht kommandieren! Aber eines würde sicher eintreten: In der Stille und durch das Gebet würden wir Kraft und die nötige Ruhe bekommen, und das Gottvertrauen, daß wir nicht allein sind, daß Jesus Christus bei uns ist, der gesagt hat:
„Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“
In seinem Flüchtlingsroman „Wenn die Hoffnung nicht wär“ schreibt Karl Götz: Wenn man wisse, daß einem die Türen daheim offenstünden, sei man auch in der Fremde halb daheim.“
Seit wir wissen, daß uns die Türen bei unserem himmlischen Vater offenstehen, sind wir auch in der Fremde, auf dieser Welt mit ihren Sturmwinden, ihren vielfachen Nöten und Anfechtungen halb daheim!
Wir fühlen und wissen uns auch in der Fremde geborgen in seiner Hand und Liebe. Es friert uns nicht mehr so, wir sehen schon die Lichter der Heimat, die auf uns warten. Wir sind schon jetzt halb daheim.
Es gibt ein Wort, das auf den ersten Blick furchtbar ist. Es heißt: „Es ist schon später als du denkst.“ Jeder weiß, was dies sagen will. Aber alle Furcht verschwindet, wenn man weiß, daß daheim beim Vater die Türen offenstehen, wo wir dabei sind von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da kann es ruhig später sein in unserem Leben als wir denken.
Darum: den Mund zu! Hinein in die Stille. Ergreifen wir seine Hand und lassen uns von ihm führen in kindlichem Vertrauen. Es wird uns dann gehen wie seinem Kind in unserer Erzählung:
Es schritt tapfer gegen den Wind, und bald kam es an das Elternhaus, in das es fröhlich hineinsprang.
Gott schenke uns allen diese fröhliche Unbekümmertheit des Glaubens, die tapfer gegen den Wind dahinschreitet, um einmal in die offenen Türen daheim in der Ewigkeit hineinzuspringen, wo Gott abwischen wird alle Tränen von unseren Augen und der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz, denn das Alte ist vergangen. Es ist alles neu geworden.
Dort wartet unser Herr auf uns.
Er ist uns vorausgegangen.
Muß uns das nicht froh und stark machen?