Unten: Vom falschen Pastor, der nicht blasen musste und Der Pastor und seine Hühner
In Deilinghofen beerdigt…
Von Friedhelm Groth
Ich werde meinen ersten Besuch bei Pastor Ravenschlag nicht vergessen. Es war Anfang September 1983, als ich an der Haustür seines Hauses Im Trichter stand und ein wenig aufgeregt war, was mich da erwarten würde jetzt. Ich hatte viel schon von diesem Pastor Ravenschlag gehört, meinem Vor-Vorgänger, der auch nach seiner Pensionierung im Dorf wohnte. Ich drückte auf die Schelle und er kam an die Tür. Noch als wir da standen, noch nicht in die Wohnung eingetreten waren, freute er sich sehr und sagte ganz herzlich: „Ach Bruder Groth. Ich will Ihnen mal gleich sagen, was ich Ihnen wünsche: Wissen Sie, bisher ist noch kein Pfarrer in Deilinghofen beerdigt worden; ich wünsche Ihnen, dass Sie es schaffen.
Ich war froh über diese humorvolle Begrüßung und sagte ganz spontan: „Lieber Bruder Ravenschlag, wenn Sie mir gleich bei unserem ersten Zusammentreffen den Tod wünschen, dann habe ich aber einen Zusatzwunsch: Ich wünsche Ihnen, Sie werden vor mir dort beerdigt! (Immerhin war er 36 Jahre älter als ich…)
Was den historischen Gehalt dieser Anekdote angeht, stimmt das mit den beerdigten Pastoren nur zur Hälfte: am vorigen alten Friedhof rund um die Kirche herum waren durchaus schon Deilinghofer Pastoren beerdigt; auf dem „neuen“ Friedhof an der Hönnetalstraße am Ortsausgang rechts aber war Ravenschlag der bisher einzige beerdigte Pfarrer (im Jahr 1987).Vom falschen Pastor, der nicht "blasen" mußte ...
[geschrieben von FG aus Blätter zur Deilinghofer Kirchengeschichte, 1991, Heft 1, S. 31]
In Pastor Ravenschlags Zeiten gab es einen liebenswürdigen und hilfsbereiten Menschen namens J., der heute zwar nicht mehr in Deilinghofen wohnt, aber sehr vielen noch bekannt ist. Man kann J. mit Fug und Recht Dorforiginal nennen; das ersieht man schon allein daraus, daß im Volksmund sogar ein Weg zum Friedhof hin den Namen unseres J. trägt. Jedenfalls war er ein feiner Kerl, der im Dienst unserer Kirchengemeinde stand und auch dem Pastor gerne half.
Zum Beispiel auch an jenem Tag, als Pastor Ravenschlag wieder einmal Vertretungsdienst in Balve hatte. J. fuhr mit. In Balve angekommen, bemerkte der Pastor kurz vor dem Gottesdienst das große Malheur: Er hatte den Talar in Deilinghofen gelassen!
Jetzt war Ravenschlag natürlich froh, daß er seinen Freund als Helfer in der Not mit nach Balve genommen hatte: "Fährst du noch einmal zurück? Ein bißchen Zeit ist ja noch, bis der Gottesdienst beginnt. Ich bleibe hier, dann kann ich mich in Ruhe vorbereiten."
J. brauste los, holte schnell den Talar, warf ihn hinten in den Wagen und fuhr wieder ab.
O Schreck, auf einmal sah er die Kelle am Wegesrand: Halt, Polizei. Was wir nämlich zu erzählen vergessen haben: J. trank sich gerne einen, und in Balve hatte niemand daran gedacht, daß er auch heute wieder mit einer deutlichen "Fahne" ausgestattet war. Und nun noch die Polizei; au weia, wenn er blasen muß! Das würde ihm vielleicht den Führerschein kosten. Und wie würde der wartende Pastor Ravenschlag in Balve schimpfen, wenn sein Talar nicht rüberkam...
Also ein kurzes Stoßgebet zum Himmel. Dann tritt der Polizist an die Wagentür: "Guten Tag, könnte ich mal die Wagenpapiere!!?" Weiter kam der Ordnungshüter nicht, denn bei einem Blick auf den Rücksitz hatte er den Talar erspäht: "Entschuldigen Sie, Herr Pastor, Sie können natürlich weiter fahren. Gute Fahrt noch, Herr Pastor!"
Es wurde ein gute Fahrt durchs Hönnetal. Der Gottesdienst in Balve, wohlgemerkt vom "richtigen" Pastor gehalten, fand rechtzeitig statt und auch in der vorgeschriebenen Amtstracht.
(Diese Geschichte hat uns J. persönlich erzählt. Ausdrücklich hat er hinzugefügt, daß er es begrüßt und es ihn freut, wenn sie als Anekdote in dieser Gedenkschrift erscheint. Die Freude machen wir J. gern. Von dem "Döneken" gibt es noch eine zweite Version: Daß es nämlich der Pfarrer aus Balve war, der seinen Talar bei einer Vertretung in Deilinghofen vergessen hatte, und J. von Pastor Ravenschlag gebeten wurde, den Talar nach Balve zu bringen. So ist das nun mal bei Anekdoten, aber im Kern kommt es ja auf das gleiche raus. Was auf jeden Fall historisch zutrifft: J. hielt große Stücke auf Alfred Ravenschlag und war ihm eine ganz wichtige Stütze. Andererseits hat auch der Pastor viel für J. getan.)"Die Glucke führt ihre Küklein aus"
Nach Paul Gerhardt. Oder: Der Pastor und seine Hühner
[geschrieben von FG aus Blätter zur Deilinghofer Kirchengeschichte, 1991, Heft 1, S. 17]
Gern hat Pastor Ravenschlag mit verschmitztem Lächeln geschildert, wie er in den "Hühnerverein", genauer: den Rassegeflügelzuchtverein Deilinghofen gekommen ist. Diese Anekdote ist hier nach unserer Erinnerung nachzuerzählen.
Warum überhaupt kam der Pfarrer zu Hühnern? Die erste und zweite Antwort auf diese Frage wäre ganz einfach mit Wilhelm Busch zu geben: "Einesteils der Eier wegen, welche diese Vögel legen, zweitens weil man dann und wann einen Braten essen kann." Diese nützlichen Argumente trafen natürlich besonders damals in den ersten Nachkriegsjahren zu, als man auch im Pfarrhaus mehr als einfach leben mußte und froh war, den Teller vollzubekommen. Doch unser Pastor, ambitioniert wie er war, hat damit noch ein drittes Anliegen verbunden: Er, der Stadtmensch aus Münster, wollte es im Bauerndorf Deilinghofen seinen Leuten zeigen, daß er bei Dingen mitzumischen verstand, die sonst landwirtschaftliche Spezialisten am besten können ...
Kurzum: Alfred Ravenschlag besorgte sich Hühner, um sie bei einer Ausstellung des Vereins begutachten zu lassen, eventuell sogar einen Preis zu ergattern. Vorsorglich aber hatte er sich vom ortsansässigen Zahnarzt Dr. Uhlmann noch ein Prachtexemplar geliehen, das er unter seinem Namen ausstellen durfte. Insgesamt gesehen hatte diese Ausstellung ein niederschmetterndes Ergebnis für den Geistlichen. Alle selbstgekauften Hühner nämlich erhielten von den Preisrichtern bloß abschätzige Blicke; es waren Mischrassen und auch sonst weit unter Niveau. Lediglich das schmucke Zahnarzt-Huhn, das einen kleinen Preis bekam, rettete die Ehre des Pastors. Mit diesem geliehenen Vogel hatte Ravenschlag die erste Sprosse auf der Karriereleiter eines vereinsmäßigen Geflügelzüchters erklommen. Das war aber auch, wie Pastor Ravenschlag zu erzählen pflegte, für ihn das erste -Erfolgserlebnis im Blick auf Anerkennung und Respekt bei den Leuten des Dorfes: Dann schmunzelte er etwas schuldbewußt: "Ein bißchen betuppt habe ich sie dabei durchaus auch!"
Danach hat ihn wirklich der sportliche Ehrgeiz gepackt. Der Geistliche begann profihaft mit der Hühnerzucht. Er kaufte von weither besonders "edle Eier" und vielversprechende Jungtiere und ließ sich von Fachleuten, besonders Ernst Höhling, eingehend beraten.
Ergebnis: Drei erste Preise in drei Jahren hintereinander. Ravenschlag war sehr schnell anerkannter und sogar beneideter Hühnerspezialist und hatte es in kürzester Zeit im Dorf gezeigt, daß so ein Pastor noch etwas mehr kann als nur Predigten zu halten.
Dem Züchterverein blieb er immer verbunden; noch heute ist alten Deilinghofern in Erinnerung, daß der später "passive Züchter" Ravenschlag bei den Lokalausstellungen im Vereinslokal Sonneborn sehr gerne "Stallwehe" gehalten hat. So konnte nachts niemand die Tiere stehlen, und der Pastor erhielt ungestört Gelegenheit; in der Küche der Gastwirtschaft Skat zu spielen.